TANZtheater INTERNATIONAL 2006 - Teil 3
Ich knüpfe an meinen Vorbericht an und ergänze ihn auf knappem Raum mit der Schilderung meiner eigenen Eindrücke, nachdem ich die Aufführung am Samstag, 2. September, besucht habe. 
Wie gesagt, ein Abend nur mit Soli und Duos. Die Atmosphäre war dadurch außerordentlich konzentriert und konzentrierend (für den vollen Saal).
Zunächst „Der Tod und das Mädchen“ mit der Musik von Franz Schubert (in der Orchestrierung von Mahler). Nach der Choreografie von Abou Lagraa aus Frankreich tanzt Séverine Allarousse kraftvoll und sensibel zugleich. Die Bewegungen sind eckig, zerhackend - dann wieder fließend harmonisch. Starke Kontraste entsprechend der Musik - der Tod und das Mädchen. Kein Mädchen, eine herangereifte junge Frau. Manchmal ist sie sehr erotisch, verführerisch, bis an den Rand des Obszönen. Dann wieder voller Furcht und Angst, an den Zitterbewegungen ablesbar. In einer sehr schnellen Drehung kehrt sie kurzzeitig zur Konzentration zurück. Sie enthüllt sich bis auf die erotische Unterwäsche. Aber der Tod ist nicht verführbar, wenn er auch mit der Möglichkeit spielt, die keine Zukunft hat. Die zackigen Bewegungen nehmen zu, bis an die Grenze zur völligen Erschöpfung. Die Ekstase steigert sich bis zum endgültigen Zusammenbruch. Der Tod hat gesiegt, er wird immer siegen.
Die Darbietung habe ich mit größter Bewunderung verfolgt, atemlos. Für mich war dies der bewegendste Teil des Abends, was sicher auch an der Musik lag.
Danach tanzt Abou Lagraa selbst nach eigener Choreografie zu einer modernen (U-)Musik von Aldéa/Chiossone. Er beginnt liegend und tanzt bald ausgesprochen rasch mit höchster Energie, raumgreifend auch, kehrt anfangs immer wieder einmal zur Ruhe zurück, zeigt Gegensätze und Widersprüche, die sich nur durch derartige Kraft und Energie auflösen lassen. Sinnliche Erfahrungen werden nach allen Seiten ausgelotet (so habe ich es empfunden). Manchmal nur mit den Fingern, seltsame Zeichen entstehen, dann wieder in der Steigerung ins Äußerste. Zwischendurch auch hier Angst und Zitterbewegungen, wie beim Entzug. Dann wieder Hiphop- oder Breakdance-Elemente. Die Ekstase nimmt zu. Am Anfang, schon beim Liegen, ist die untere Gesichtshälfte von Wollstoff bedeckt. Gegen Schluss wird der ganze Kopf verhüllt. Halb-Bewusstheit zuerst, dann Bewusstseinssteigerung, Bewusstlosigkeit am Schluss - keine Lösung, oder?
Nach der Pause tanzt Roy Assaf (nach eigener Choreografie) von der israelischen Kompanie Emanuel Gat mit der Tänzerin Moran Zilberberg zusammen zu zwei Inventionen von Johann Sebastian Bach. Eine verwickelte und doch durchsichtige Musik für ein Instrument (Klavier oder Cembalo). Die Tänzer beginnen, bevor die Musik anfängt, fegen durch den Luftraum. Teilweise sind ihre Bewegungen allzu heftig (bei der ersten Invention), dann wieder liegen beide ruhig auf dem Boden. Erst bei der zweiten - stärker bewegten - Invention passen die starken Bewegungen der Tanzenden, hier wird eine höchst beeindruckende Dichte erreicht. Fliegen werden sie nicht, der Schluss zeigt, dass sie nur eine große Nähe mit zwei Köpfen und vier Armen, Beinen erreichen können: ein magischer Moment zum Schluss.
Um Nähe und Ferne zwischen zwei Menschen geht es auch bei dem abschließenden Duo von Roy Assaf und Emanuel Gat (nach dessen Choreografie) zu drei Liedern der „Winterreise“ von Franz Schubert. Sie beginnen sehr raumgreifend vor der Musik. Im Dunkel vorher hatte man schon einen der Männer fast im Zuschauerraum stehen sehen, mit dem Rücken zu uns. Zwei kahl rasierte Männer, barfuß, mit blauen androgynen Gewändern, erobern heftig den Raum. Dann das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“, fast süßlich, in unserem verdorbenen Hörbewusstsein. Das kann man nur als bewussten Kontrast begreifen. Ein „Werk sanfter Melancholie und tastender Verständigung“ (die Beschreibung hatte ich auch in meinen Vorbericht übernommen)? Nein, das mag für die Musik stimmen, aber für die Choreografie kann ich das nicht nachvollziehen. Und doch entstehen starke Momente der Innigkeit - einmal auf das Wort „innig“ -, die Männer stehen sich extrem nahe, nachdem sie sich immer wieder umkreist haben. Am meisten beim dritten Lied vom Leiermann (in der Mitte war das Lied „Wasserflut“ verwendet worden), bei dem auch die Gesten auf den „immer leeren Teller“ Bezug nahmen. Während man fasziniert zuschaut, stellt man sich bald die Frage: Wie kann man nur diese Gleichzeitigkeit der Bewegungen hinkriegen? Diese zwei Menschen sind harmonische Reisebegleiter - etwa gar Freunde? - durch den Winter.
Das war ein sehr ertragreicher Abend, der langen Beifall verdient hat.
Besuchen Sie die weiteren Vorstellungen:
am 7. und 8. plus 9. September in Hannover, am 8. und 9. in Braunschweig - oder wenigstens (ohne zu murren) in einem Jahr!
© Text: Dr. Helge Mücke; Bild zur „Winterreise“: Pressefoto des Tanztheater international, Flashkes - nicht frei verfügbar.

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