TANZtheater INTERNATIONAL 2006 - Teil 4
Nachtrag und Abschluss für dieses Jahr
Obwohl das Tanztheater International nun für dieses Jahr schon wieder eine Weile zu Ende ist (rund drei Wochen), möchte ich mein Versprechen halten und noch über einen weiteren Abend berichten. Ich knüpfe damit an meinen Vorausbericht an und ergänze aus eigenem Erleben. Warum ich auch jetzt noch einen Sinn darin sehe ? Um Sie anzuregen, beim nächsten Mal dabei zu sein, denn auch im Spätsommer 2007 wird es wieder ein TANZtheater INTERNATIONAL in Hannover und Braunschweig geben - ich werde Sie daran erinnern. 
„Le Sacre du Printemps“ nach der Musik von Igor F. Strawinsky hieß das Thema der beiden (identischen) Aufführungen am 8. und 9. September (Freitag und Samstag). 12 dunkelhäutige Tänzerinnen und Tänzer der Truppe von Heddy Maalem tanzten nach der Choreografie des Franzosen mit algerischer Mutter. Die Vorstellung am Freitag habe ich besucht.
Tod und Wiedergeburt, Frühling und Apokalypse - das sind die bereits genannten Stichwörter. Einheit und Vielheit, Trennung und Vereinigung, Chaos und Ordnung, Urgewalt der Natur und Zwang der Maschine, der Technik kommen hinzu. Und natürlich: Männliches und Weibliches. Geopfert wird die junge Frau - nur sie hat die Chance der Wiedergeburt.
Die Inszenierung arbeitet mit Projektionen, das war das für mich überraschende Moment. Vor dem Hintergrund eines Gewitters, optisch und akustisch, bewegt sich ein Paar seitlich wie im Scherenschnitt und zeitlupenhaft.
Strawinskys Musik beginnt, und mehr Frauen und Männer bewegen sich auf der Bühne, paarweise zunächst.
Sie gruppieren sich, die Männer auf der einen, die Frauen auf der anderen Seite, zusammengezogen, geballte Macht der Geschlechter.
Die Bewegungen werden maschinenartig, die Musik stark rhythmisch. Das erinnert mich stark an die Bilder des Futurismus vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwei Männer sind überzählig.
Dann wieder folgen stillere Momente, Innigkeit der Paare, die Frau hält den Kopf des Mannes in der Schale ihrer Hände.
„Bilder vom heidnischen Russland in zwei Teilen“ hatte schon der Komponist seine Musik im Untertitel genannt - den Einschnitt markiert wiederum eine Projektion, begleitet von elektronischer Musik.
Mit Strawinskys Musik kommen die Frauen auf die sterile Bühne, erst eine, dann zwei, bald sind es fünf. Sie gehen behutsam miteinander um, heilend vor allem, die Heilkraft der Natur wirkt durch die Frau.
Die Musik wird lauter, jetzt bewegen sich sieben Männer auf der Bühne.
Sie stampfen Marschrhythmen mit bloßen Füßen auf den Boden.
Frauen und Männer umtanzen ein junges Mädchen, das Opferritual beginnt, sie ist das Opfer.
Aber sie springt dann wieder auf, dreht sich um sich selbst, mit hochgerecktem Arm und Zeigefinger, die anderen um sie herum: Feier der Wiedergeburt.
Alle liegen auf dem Boden, nur ein Mann bleibt aufrecht - er ist es, der schließlich die Paarung vollzieht.
Nach dem Ende der Musik Strawinskys wird eine Pferdeherde projiziert, zunächst ist nur das Stampfen der Hufe zu hören, mehr und mehr geht es in technische Rhythmen über, die auch Angst machen (Zitterbewegungen): Die Technik droht die Natur zu besiegen, jenseits von Strawinskys Zeit?
Ein sehr eindrucksvoller Abend, der den kräftigen Beifall verdient hat.
© Text: Dr. Helge Mücke, Hannover;
Bild: Pressefoto des Tanztheater International, Patrick Fabre.

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