Spiel mit deutscher Sprache: die Argentinierin Maria Cecilia Barbetta in der Literaturetage Hannover
Am liebsten hätte ich diesem Artikel eine andere Überschrift gegeben, etwa: eine Lesung wie ein Patchwork, wenn dieses Wort nicht für manche Menschen auch einen negativen Beigeschmack hätte. Besser vielleicht: Ein Abend wie eine Sammlung von Stoffmustern. Aber auch da würde ich vielleicht meine Begeisterung nicht genügend durchkommen lassen können?
Denn begeistert bin ich wieder einmal von dem Lese-Abend in der Literaturetage Hannover (Donnerstag, 9. Oktober, ab 19.30 Uhr). Vor allem durch das Gespräch, moderiert von Jutta Rinas (HAZ-Redakteurin).
Welch erfrischende Art zu antworten! Durch Lesung und Fragen und Antworten entstand so allmählich ein feines Gewebe, das den Abend zu einem besonderen Gewinn werden ließ, zu einem Lesemuster, einem Musterlese-Abend - ich kann nur wieder einmal nachdrücklich empfehlen, derartige moderierte Lesungen zu besuchen ...
Die Frage, warum sie in Deutsch schreibe, kam sofort - die überzeugende (aber für uns auch ein wenig verblüffende) Antwort: Ich liebe diese Sprache, sie ist so wunderbar zum Spielen geeignet! Sie ist von großer Plastizität, sie wirkt wie ein "Ideenpolyeder" auf mich. (Zur Vorgeschichte muss man hinzufügen, dass Frau Barbetta als Kind eine deutsche Schule besucht hat, auf der ihre Mutter als Lehrerin arbeitete). Spiel mit der Sprache, das ist also beim Schreiben ihr wichtigstes Anliegen - man sollte das aber nicht missverstehen, der Inhalt, die gut erzählte Geschichte sind schon ebenso wichtig. Zur Materialsammlung dienen entsprechend Wortsammlungen: wann immer ihr etwas auffällt, im Alltag, im Internet, in Lexika, notiert sich das die Autorin, allerdings nicht sonderlich systematisch, wie sie berichtet.
Spiel mit der Sprache bedeutet bei diesem Roman auch Spiel mit den Ausdrucksformen, denn in den Roman sind - ganz ungewöhnlich - etliche "Stoffmuster" (bildliche Darstellungen) eingestreut, was aber auch wieder nicht ganz wörtlich zu verstehen ist: eines der "Stoffmuster" zeigt beispielsweise die Zeichnungsmuster von Schmetterlingsflügeln so, wie es in der Biologie üblich ist (es wird in Reihen immer nur der eine Flügel gezeigt). Der Leser kann das Spiel weiterspielen, er kann selber entscheiden, welche Ebene des Romans er aufgreift und fortführt: die tiefere Schicht oder die Oberfläche, durch die es z.B. von Insekten nur so wimmelt, er kann wie bei einem "Kippbild" zwischen den Schichten wechseln, sich für die reale oder für die fantastische Ebene entscheiden. Als einfache Beispiele für Wortspiele im Buch nennt Frau Barbetta "Läufer" oder den "atemberaubenden" Schleier, den die eine Hauptperson für ihre Hochzeit möchte, die "fesselnde" Schleppe. Auch der Ausgangspunkt des Romans - der in Buenos Aires spielt - ist so ein Kippbild: Einmal hat die Autorin - nehmen wir an, es stimmt - in Berlin eine Änderungsschneiderei gesehen - links von der Tür stand ein Schild mit der Aufschrift "Änderung von Damen, Herren- und Kinderkleidung" rechts stand: "Änderung von Damen-, Herren- und Kinderkleidung"; man konnte sich entscheiden: nach links gehen und die Dame ändern lassen, oder nach rechts gehen und die Damenkleidung ändern lassen ...
Zum Inhalt: In der Änderungsschneiderei Los Milagros arbeitet die junge Mariana Nalo bei ihrer Tante Milagros. Sie liebt außer den unzähligen bunten Garnen und Stecknadelköpfen in der Schneiderei den in die USA verschwundenen Gerardo, mit dem sie die Liebe zu Insekten (Schmetterlingen) teilt. Eines Tages taucht die junge Analia Moran, eine Art Doppelgängerin, in der Änderungsschneiderei auf, weil sie das schöne Hochzeitskleid ihrer Mutter aus kostbarer italienischer Seide für ihre eigene Hochzeit umarbeiten lassen möchte. Sie liebt die Symmetrie der Zahlen, dunkle Schokolade und Roberto, der sie auf Händen trägt. Von da an geschehen merkwürdige Dinge. Den Anfang des Textes kann man hier nachlesen.
Maria Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren und lebt seit 1996 in Berlin. Das Schreiben hat sie mit 33 Jahren begonnen, nachdem sie aus einem gut bezahlten Job arbeitslos geworden war.
Wünsche jedem viel Vergnügen beim Lesen dieses außergewöhnlichen Romans!
María Cecilia Barbetta: Änderungsschneiderei Los Milagros. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2008.
336 Seiten, Euro 19,90
Maria Cecilia Barbetta bekommt den Aspekte-Literaturpreis für das beste literarische Debüt 2008 - s. hier.
Und nun noch ein paar Bemerkungen zum Herbstprogramm der Literaturetage Hannover, von dem die ersten Highlights schon vorüber sind:
Außer dem Hoffest begann es mit der Auftaktveranstaltung des Literaturfestes Niedersachsen (11.9. an anderem Ort, Bericht hier) und der Höltypreis-Verleihung für Lyrik an Thomas Rosenlöcher (18.9., auch darüber habe ich berichtet). Inzwischen haben auch der Spanier Rafael Chirbes (26.9.) und LiteraTour-Nord-Preisträger Karl-Heinz Ott (9.10.) gelesen.
Doch zur Zukunft: Im Oktober werden - in Anbindung an das Schwerpunktthema der Buchmesse - zwei türkische Autoren in der Literaturetage lesen: Murathan Mungan (17.10.) und Zülfü Livaneli (20.10.). Und am 29. Oktober beginnt wieder die LiteraTour Nord mit Norbert Gstrein und "Die Winter im Süden". Und zum November ein wenig "Name Dropping": Alina Bronsky, Hans Pleschinski, Harry Rowohlt
& Frank Schulz sowie Thomas Gsella. Und an die "Buchlust" denken: am 15. und 16. November ist es so weit ... Alles sehr empfehlenswert!
Und noch eine Bemerkung zum Schluss: Bei Lesungen der Autoren aus anderen Ländern kommt immer eine besondere Farbigkeit hinein, die ich persönlich sehr schätze - bei Chirbes und Barbetta spanisch sprechende Menschen mit ihrem Geschnatter (pardon) und ihren herzlichen Begrüßungen; bei den beiden türkischen Autoren wird sicher die türkische Gemeinde stark vertreten sein. Ich freue mich schon darauf!
Nähere Informationen auf der "Seite" der Literaturetage: www.literaturbuero-hannover.de/
© Text: Dr. Helge Mücke, Hannover (Inhalt nach den Angaben der Literaturetage); Foto: Sven Paustian, S. Fischer
Gut!
Kommentiert von: berlin | 27. Februar 09 um 16:34 Uhr