Buchmesse Frankfurt 2008, fünfter und letzter Tag, Sonntag 19. Oktober
Ich beginne wieder mit einem Zitat aus den Pressemitteilungen:
"Fünfter und letzter Messetag: 62.868 Besucher waren heute auf der Buchmesse -
eine Steigerung von sagenhaften 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt
besuchten die Messe in fünf Tagen 299.112 "Buchliebhaber" - ein neuer Rekord
(5,6 Prozent mehr als im Vorjahr)! Nach den Fachbesuchertagen hatten auch die
Aussteller endlich ein wenig Zeit, sich auf der Buchmesse umzuschauen -
angefangen vom türkischen Zelt im Innenhof, über die Cosplay-Meisterschaft bis
hin zum gläsernen Übersetzer gab es viel zu entdecken.
Wer als Autor auf der Suche nach einem Verlag fündig geworden ist, kann sich schon jetzt auf sein Debüt auf der nächsten Frankfurter Buchmesse (14. - 18. Oktober) freuen, wer die Messe total verpasst hat, findet Eindrücke in Wort, Bild und Ton auf unserer Website.
Viel Spaß bei der Nachlese und 'See you in Frankfurt'!"
Das wichtigste Ereignis an diesem Sonntag - auch, wenn es nicht in den Messehallen stattgefunden hat - war die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.
Gegen das Vergessen und für Aufklärung: Verleihung des Friedenspreises an Anselm Kiefer
"Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer", sagte Anselm Kiefer. Dem deutschen Künstler wurde heute in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht.
Gedichte sind für Anselm Kiefer Haltepunkte. "Manche lassen uns glauben, dass es einen Sinn gibt, der sich zwar nicht beschreiben lässt, aber doch zeigen wird, ja dass es sogar ein Ziel geben könnte - ein Eschaton“, so Kiefer, der in seiner Rede sein Verständnis von Geschichte, Gesellschaft und die Verbindung von Literatur, Wissenschaft und Mythologie zur Kunst erläuterte.
Ambivalente Macht der Bilder
Anselm Kiefer habe
als bildender Künstler der ambivalenten Macht der Bilder, ihren Tiefen
und Untiefen, ihrem Sinn und ihren Grenzen nachgespürt wie kaum ein
anderer, so Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des
Deutschen Buchhandels. Er stehe beispielhaft für die Absicht des
Börsenvereins, aus Verantwortung der eigenen Geschichte gegenüber mit
der Verleihung des Friedenspreises die Wahrheit erschließende und
Verstehen ermöglichende Kraft des Wortes und des Bildes zu ehren.
Die
Auseinandersetzung des Malers mit Vergangenheit und eigener Zeit
liefere einen Beitrag, der in hohem Maße mit dem zu tun habe, was den
Rang des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ausmache, betonte
auch Werner Spies in seiner Laudatio auf den Preisträger. Nämlich "auf
eklatante und lästige Weise gegen das Vergessen und für Aufklärung
kämpfen". Spies würdigte Anselm Kiefer als einen der Künstler, die sich
als "Akteure einer für die Deutschen unentbehrlichen Auseinandersetzung
mit Geschichte" verstehen.
Der Börsenverein des Deutschen
Buchhandels vergibt seit 1950 während der Frankfurter Buchmesse den
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren bisher unter
anderem Albert Schweitzer, Theodor Heuss, Astrid Lindgren, Siegfried
Lenz und Orhan Pamuk. Im vergangenen Jahr erhielt Saul Friedländer die
Auszeichnung. Mit Anselm Kiefer wurde erstmals ein bildender Künstler
geehrt. Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert.
Weitere Informationen www.boersenverein.de
Und noch Auszüge aus der Begründung der Jury und Biografisches:
„Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2008 Anselm Kiefer und ehrt mit ihm einen weltweit anerkannten Künstler, der seine Zeit mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen konfrontiert. Anselm Kiefer erschien im richtigen Moment, um das Diktat der unverbindlichen Ungegenständlichkeit der Nachkriegszeit zu überwinden. Der Künstler agiert als genialer, bewusster Eroberer, der die Mittel einer texturreichen, expressiven Malerei an sich reißt und wie Beutestücke in die eigene Bildwelt transferiert. Im Mittelpunkt steht eine von Vergangenheit zerfressene, zerstörte Gegenwart, die mit äußerst verknappter Rhetorik, mit Sprachlosigkeit präsentiert wird. Die starke Resonanz seines Werks beruht auf der Fähigkeit, für die zeitlosen und für die akuten Themen, die Anselm Kiefer behandelt, eine Bildsprache zu entwickeln, die aus dem Betrachter auch einen Leser macht. Denn wie stark sich Kiefer mit Literatur und Poesie auseinandersetzt, führen nicht nur die Installationen vor, die unentwegt auf große Texte anspielen. Er hat das Buch selbst, die Form des Buches, zu einem entscheidenden Ausdrucksträger gemacht. Gegen den Defätismus, der Buch und Lesen eine Zukunft abzusprechen wagt, erscheinen seine monumentalen Folianten aus Blei als Schutzschilde.“
Anselm Kiefer, geboren am 8. März 1945 in Donaueschingen, zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern und beeinflusst seit Beginn seines künstlerischen Schaffens die zeitgenössische Kunst. Der Sohn eines Kunstpädagogen studiert ab 1965 zuerst Rechtswissenschaften und Romanistik, bevor er, nach dem Studium der Bildenden Kunst bei Peter Dreher in Freiburg und bei Horst Antes in Karlsruhe, 1970-1972 als Schüler von Joseph Beuys in Düsseldorf arbeitet. Von der ersten Bilderserie „Besetzungen“ im Jahre 1969 bis zu seiner großen Ausstellung „Monumenta“ im Jahre 2007 im Pariser Grand Palais zeigt sich seine andauernde künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit Religion, Philosophie und Mystik sowie mit Literatur und Poesie. Durch die Verbindung von Kunst mit politischer Aussage löst Anselm Kiefer in der Öffentlichkeit immer wieder Diskussionen aus. So beschäftigt er sich mit der Frage, ob es nach dem Holocaust und der Vereinnahmung der nationalen kulturellen und künstlerischen Tradition durch das Dritte Reich überhaupt noch deutsche Künstler geben kann und setzt in seinen Bildern symbolische und mythische Elemente aus der deutschen Geschichte ein.
Anselm Kiefer ist Träger zahlreicher Auszeichnungen. So hat er den Hans-Thoma-Preis (1983) erhalten, den Wolf-Preis für Kunst, Jerusalem (1990), den Goslarer Kaiserring (1991), den Internationaler Preis der Jury der 47. Kunst-Biennale Venedig (1997) sowie den japanischen Praemium Imperiale (1999) als Würdigung für einen zeitgenössischen Künstler, der einen ausgeprägten Sinn für die Auseinandersetzung der Kunst mit der Vergangenheit und der Ethik und Moral der Gegenwart entwickelt hat.
Anselm Kiefer lebt und arbeitet in Paris.
Links: http://www.literaturcafe.de/
© Text Dr. Helge Mücke, Hannover - zu geringen Teilen, sonst sind die Pressemitteilungen der Buchmesse AG verwendet. Foto unten: Renate Graf
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