Der März ist fast vorbei - deshalb also heute Rückblick und Vorblick zugleich. Die Mischung ist wieder faszinierend: einmal Literatur International (Indien), einmal Literaturhaus Europa (Ungarn), einmal NDR kultur - Autoren lesen, einmal das literarische Debüt (mit der HAZ), zweimal nicht mehr lebende Autoren (Stefan George, Kempowski), die LiteraTour Nord mit Preisverleihung (dies an anderem Orte) und dann noch eine inzwischen berühmte Gegenwartsautorin in der neuen Reihe "Resonanzen" - Sie merken hoffentlich, wie spannnend das sein kann! Dazwischen auch noch ein Stand auf der Leipziger Buchmesse. Meine Wertschätzung des Literaturbüros, der Literaturetage lässt nicht nach ... Darf ich Sie anstecken? (Garantiert kein gefährlicher Virus!)
Es begann am 4. März mit Michael Braun und Urs Allemann. Sie haben im Wechsel Gedichte von Stefan George vorgetragen und über ihn gesprochen. Darf ich ehrlich sein? Nicht alles hat mir gefallen - aber das lag natürlich nicht an den beiden Vortragenden - im Gegenteil, es ehrt sie, dass sie auch die weniger "erhaltenswerten" Gedichte einbezogen haben. Es gibt einige unschöne Beispiele aus der Nazizeit. Ja, und dann kann ich persönlich auch nichts anfangen mit der Meister-Jünger-Haltung, die Stefan George offenbar genossen hat (und zu Machtspielchen genutzt). Was bleibt von der "Idee einer reinen Sprache", die Stefan George vertreten hat?
Am 10. März kam der indische Autor Kiran Nagarkar (geb. 1942). Er lebt zur Zeit als Gast des DAAD in Berlin, so ist sein Weg nicht ganz so weit. Schon den ersten Roman hat er in seiner Muttersprache Marathi verfasst, nicht in der Kolonialsprache Englisch - das löste einen Skandal aus und entmutigte ihn etliche Jahre. Zum Glück hat er wieder angefangen mit dem Schreiben, durch "Gottes kleiner Krieger" wurde er 2006 weltberühmt. Sein neuester Roman in deutscher Übersetzung ist eben der erste Roman und heißt "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig" (Original schon 1974). Der Schriftsteller Kushank hofft auf den Durchbruch; bis dahin beobachtet er in Bombay Bettler und andere Figuren, schnorrt bei Freunden und mäandert durch verschiedene Liebesgeschichten. Bitter und burlesk! Margarete von Schwarzkopf hat moderiert, der Schauspieler Bernd Geiling den deutschen Text gelesen.
Am 17. März trafen sich zum Gespräch "beim NDR" Jens Sparschuh (geb. 1955) und Sten Nadolny (geb. 1942). Beide waren zu ganz unterschiedlichen Zeiten beim Militär, der eine im Osten (Sparschuh), der andere (Nadolny) im Westen. In ihrem gemeinsam geschriebenen (!) Buch "Putz- und Flickstunde" schildern der Soldat Sparschuh und der Funker Nadolny (hinterher "verweigert"!) ihre Eindrücke und Gedanken. Zwei Klassenfeinde, die sich nach der Wende sehr schnell befreundet haben (Nadolny hat sich, so konnte man erfahren, schützend vor Sparschuh gestellt, als er auf einer ersten gesamtdeutschen Tagung von den Wessies arrogant behandelt wurde). Das Gespräch moderierte Stefan Lohr, die beiden Autoren lasen jeweils ein Stück ihrer Prosa aus dem Buch. Das Besondere für mich an diesem Abend war, diesen beiden (unterschiedlichen) Menschen zu begegnen: Sparschuh hatte ich bedauerlicherweise gar nicht gekannt; Sten Nadoldny ist mir seit der "Entdeckung der Langsamkeit" vertraut (bisher hatte ich den Autor aber nicht "life" erlebt), das ich seinerzeit "mit Betonung" geschenkt bekommen hatte, zum Trost vielleicht (denn ein Schnellschreiber bin ich nicht).
Und am 20. März ließ sich Péter Esterházy erleben, eine faszinierende Persönlichkeit mit Charme oder gar Charisma? Da er ausgezeichnet Deutsch spricht, hat er seinen übersetzten Text selber gelesen (Übertragung Terézia Mora, Preisträgerin der LiteraTour Nord). Nach zwei Büchern über den Vater hat er mit "Keine Kunst" ein kleines Werk über seine Mutter vorgelegt - die, wider alle Bräuche, ein großer Fußballfan gewesen war, Anhängerin der Mannschaft des "Wunders von Bern" - aber nie verstanden hatte, was ein Abseits ist. Oder ist das nur ein rituell gewordenes Spiel der Kinder mit der Mutter, ihr das zu erklären oder den Kopf zu schütteln über ihr Unverständnis? Wie ist das mit der Erinnerung? - das war ein Hauptgegenstand des Gesprächs mit dem Schriftsteller (Moderation Duzfreund Wend Kässens). Vater, Mutter, Geschwister - alles "nur" Material zwischen Fakten und Fiktion. Erinnerungsarbeit sei ein ganz schwieriger Prozess: Arbeit, Arbeit, Arbeit - Angst, Angst, Angst, so pointiert Esterházy - wie in einer Diktatur könne plötzlich etwas Unvorhersehbares passieren, davor habe er immer auch Angst. Der Prozess gehe vom Erinnern über das Finden zum Erfinden. Bei diesem Buch sei der Akzent auf der Wahrheit - wirklich muss die Mutter etwas Anarchisches gehabt haben -, aber eine "changierende Wahrheit"! (die mit dem changierenden Ich des Schriftstellers korrespondiert). So war dieser Abend besonders spannend durch den Einblick in die Arbeitsweise eines Schriftstellers, der es mit Leib und Seele ist.
Am 2. April 2009 wird Thomas Klapp in die Literaturetage kommen - in der Reihe "Das literarische Debüt". Er wurde 1977 in Erlangen geboren und lebt in Berlin. "Ein furioses Roadmovie" soll sein erster Roman "Paradiso" sein, "anarchisch und mit tiefschwarzem Humor, das den Leser atemlos zurücklässt". Alex Böhm, der Blender ohne Moral, der eigentlich nach München reisen wollte, um am nächsten Tag mit seiner Freundin nach Portugal zu fliegen, trifft an einer Tankstelle auf den "Loserkonrad" aus der Schulzeit, und das "katapultiert ihn direkt auf das Minenfeld seiner Vergangenheit", u.a. auch an die Kiesgrube, genannt Paradiso. Man darf gespannt sein, Martina Sulner moderiert.
Am 16. April 19 Uhr wird die Verleihung des Preises der LiteraTour Nord an Jenny Erpenbeck stattfinden - in den Räumen der VGH Versicherungen. Darüber werde ich extra berichten.
Und am 22. April zur gewohnten Zeit (19.30 Uhr) in gewohnten Räumen wird Juli Zeh (geb. 1974) einmal wieder nach Hannover kommen. Ihr neuester Roman "Corpus delicti" ist der Anlass für die erste Diskussion der neuen Reihe "Resonanzen". Im Roman herrscht eine Gesundheitsdiktatur, man schreibt das Jahr 2057. Das System zwingt alle Bürger zur Prävention und behandelt selbst das Rauchen einer Zigarette als Delikt ... Wie weit kann der Staat individuelle Rechte einschränken und über den Körper des Einzelnen verfügen? Das u.a. wird Gegenstand des Gesprächs mit Christian Geyer sein, das Jutta Rinas moderiert. Resonanzen eben zwischen Literatur und Wirklichkeit!
Schließlich wird am 29. April des 80. Geburtstages von Walter Kempowski gedacht, der 2007 verstarb. Gerhard Henschel (geb. 1962 in Hannover) liest aus seinen Texten unter der Überschrift "Da mal nachhaken: Näheres über Walter Kempowski". Dr. Olaf Kutzmutz wird das Gespräch moderieren.
Kommen Sie! Sie werden (immateriellen) Gewinn haben!
© Bild: ese_zeta bei pixelio.de - Text: Helge Mücke, Hannover, teils unter Verwendung der Texte des Literaturbüros
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