Die VGH-Stiftung hat wieder eine würdige Feier ausgerichtet: Am 16. April 2009 fand die Preisverleihung der LiteraTour Nord 2008-2009 an Jenny Erpenbeck statt, die ich hier schon angekündigt hatte.
Begrüßung durch Friedrich v. Lenthe, den Vorsitzenden der VGH-Stiftung - Grußwort durch Prof. Martin Rector als Sprecher der Jury (und der geistige Förderer von Anfang an) - Laudatio durch Literaturkritikerin Verena Auffermann - die Preisübergabe - eine Lesung der Preisträgerin aus einem Manuskript - dazwischen immer wieder Musik vom Gitarren-Duo Rangin - danach ein gemeinsamer Imbiss: so die lebendige Programmfolge.
Martin Rector nannte in seinen Grußworten die ganze Reihe der bisherigen 17 Preisträger: ein klarer Qualitätsbeweis des Wettbewerbs! Er wies auch darauf hin, dass bei der nächsten Tour eine 6. Stadt dazukommt, nämlich Rostock. Die Lesungen in Hannover werden deshalb künftig an Donnerstagen stattfinden.
Ein paar Gedanken und Zitate aus der Laudatio Verena Auffermanns (Zahlen von mir hinzugefügt):
Vier Bücher gebe es bisher von Jenny Erpenbeck, "etwas mehr als 500 Seiten, eine überschaubare Menge Papier. Aber was für ein Volumen!"
"Geschichte vom dicken Kind" war das erste (1999). "Sie sagen, das Mädchen sei 'ganz und gar Waise' und der Leser merkt, hier wird ein Doppelspiel inszeniert." (Waise oder auch Weise?) Ganz einfach ist es nicht, hinter Jenny Erpenbecks poetisches Konzept zu kommen, ... ihre Schliche sind Fährten" ... "Wer möchte, kann die 'Geschichte vom alten Kind' als Abschiedsgesang auf die DDR lesen, oder, was meiner Einschätzung nach richtig ist, als Parabel über das Erwachsenwerden, allein alt zu werden, der Welt und ihren Geschäftsstraßen ausgesetzt."
Dann der Erzählungsband "Tand" (2001): "Die Formfrage ist hier noch radikaler gestellt, die einzelnen Geschichten - sind es eigentlich Geschichten? sind sehr kurz. Eine
zentrale Rolle hat das Vergehen der Zeit ... Der Märchenton der
Texte suggeriert das Verwischen der Zeit und betont die Ahnung vom
Sterben. ... Im 'Wörterbuch' (2004) wird der Kampf um die knappste Beschreibung am heftigsten betrieben. Können Sie verehrte Damen und Herren, den Begriff der Kindheit auf vier Worte reduzieren? Nicht leicht, oder? Und wie macht Jenny Erpenbeck das? Ganz, ganz einfach und fast ein Haiku: 'Vater, Mutter, Ball, Auto' ... Liebe Jenny Erpenbeck, Sie sind eine sparsame Autorin. Nicht karg, aber sparsam. Sie haben einen hohen Anspruch, Beiwerk und Schmuckworte wegzulassen. Sie erzählen voraussetzungsarme, vermittelte Wort-Geschichten in einer Sprache, ohne Willkür, präzise, nüchtern und dennoch rhythmisch und in knappster Form, scheinbar ohne Anstrengung, ohne Eitelkeit ..."
Nach der Laudatio las die geehrte Autorin aus einer bisher unveröffentlichten Erzählung, die während der Arbeit an "Heimsuchung" entstanden ist: "Aus der Haut fahren". Das Publikum war sehr beeindruckt.
Die eher introvertierte Gitarrenmusik des Duo Rangin - Michael Meyer und Omid Bahador -, zwischen den Wortblöcken gespielt, ergab einen schönen Zusammenklang. .
© Text: Helge Mücke, Hannover; Zitate wie angegeben; meine eigenen Fotos sind ohne Blitz nicht immer scharf genug - das Porträt scheint mir jedoch einen Eindruck von der Persönlichkeit zu vermitteln, sodass ich es trotz der verminderten Qualität hineingenommen habe. Dank an das Literaturbüro Hannover und die VGH-Stiftung für die Einladung und die zur Verfügung gestellten Unterlagen.
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