Kleine Vorbemerkung: Diesen Übersichtsartikel hatte ich geschrieben, bevor ich gestern zu der Lesung von Sybille Lewitscharoff gegangen bin. Danach hätte ich eigentlich alles umschmeißen müssen - denn diese Autorin war so überzeugend, dass ich ihr einen extra Artikel widmen müsste/muss. (Kommt vielleicht noch ...)
Im Mai und Juni kann die Literaturetage Hannover mit zwei der bekanntesten deutschen Autorinnen aufwarten: Mit ihren neuen Büchern besuchen die frisch gekürte Trägerin des renommierten Preises der Leipziger Buchmesse 2009, Sibylle Lewitscharoff, und, als „literarische Stimme ihrer Generation“, Judith Hermann, Hannover. Aber auch zwei weitere großartige Autorinnen, die 27 Jahre junge Nora Bossong und die japanisch-deutsche Autorin Yoko Tawada, kommen in die Literaturetage und reden über... ihre Zeit im Kloster! Diese Lesung hat am 7. Mai bereits stattgefunden.
Die beiden in der DDR geborenen Autoren Rayk Wieland und Jochen Schmidt beschäftigen sich im Mai auf amüsante Weise mit ihrem Herkunftsland. (Auch dieses Gespräch im Rahmen der neuen Reihe "Resonanzen" hat bereits stattgefunden, am 15. Mai; ich konnte nicht teilnehmen.) Und im Juni wird es dann etwas internationaler: mit einer Lesung des hochgelobten algerischen Autors Boualem Sansal und – in Andenken an den Ulysses-Roman des irischen Autors James Joyce – mit der traditionellen Feier des Bloomsday.
Von jeher sind Klöster Orte der Entschleunigung, des konzentrierten Tuns – und des Schreibens. 2008 haben 14 Autorinnen für mehrere Wochen in niedersächsischen Klöstern oder Stiften gelebt und geschrieben. Daraus entstand die von der Klosterkammer Hannover herausgegebene, bei Wallstein erschienene, Anthologie Poesie und Stille. Durchaus irdisch bewegt sich Nora Bossong in den Mauern von Kloster Wennigsen – aber auch nicht stur den möglichen Wundern (oder dem Spuk) abgeneigt, die in einem Kloster zu finden sein mögen. Und ganz unbefangen nähert sich die Japanerin Yoko Tawada als „Heidin in einem Heidekloster“ den „Klosterdamen“ in Walsrode, wobei sie u.a. erfährt, dass die Äbtissin die Technik des japanischen Bogenschießens im Klostergarten praktiziert. Yoko Tawada, 1960 in Tokyo geboren, lebt seit 1982 in Deutschland. Die in Japan sehr bekannte Autorin schreibt auf Deutsch und auf Japanisch und erhielt Literaturpreise in beiden Ländern. In ihren pointierten Texten betreibt Tawada häufig „eine zärtliche, wohlmeinende Kulturanalyse“ (ZEIT). Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen, studierte bis 2005 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, seither lebt sie in Berlin. Für ihre Gedichte und die beiden Romane, die sie bisher veröffentlicht hat – zuletzt „Webers Protokoll“ (2009), ein hochgelobter Roman um einen deutschen Diplomaten 1943 in Italien –, wurde sie schon mehrfach ausgezeichnet. Am Donnerstag, 7. Mai, 19.30 Uhr, waren die beiden in der Literaturetage zu Gast und erzählten, moderiert von Prof. Martin Rector, unter dem gar nicht weltfernen Motto „Kreuzgang und Bogenschießen“ etwas über ihre Wochen im Kloster.
Ähnlich wie vielen „Normalsterblichen“ das Klosterleben auf den ersten Blick eher fremdartig erscheint, so scheint manchem zum nahenden 20. Jahrestag des Mauerfalls auch das Phänomen DDR bereits so unwirklich wie ein entfernter Planet. Am Freitag, 15. Mai, 19.30 Uhr, steht der Abend in der Reihe Resonanzen unter dem Leitsatz: „Die DDR hat es wirklich gegeben“ – und dies können der aus Ostberlin stammende Jochen Schmidt und der in Leipzig geborene Rayk Wieland bezeugen: zwei Literaten, die auf angenehm entspannte Art von den absurden Seiten des DDR-Alltags zu berichten wissen.
Diesen sicherlich ebenso aufschlussreichen wie unterhaltsamen Abend moderierte die HAZ-Redakteurin Martina Sulner.
„Eine große Autorin – scharfsinnig, kunstvoll, berauschend“, so urteilte die Jury, die Sibylle Lewitscharoff 2007 den Preis der Literaturhäuser zuerkannte. Von der Kritik wird die Erzählerin, die mit Witz, Erfindungsgabe und enormer Sprachkraft glänzt, längst geschätzt. Im März auf der Buchmesse wurde sie nun auch mit dem renommierten Leipziger Buchpreis 2009 ausgezeichnet. Freuen wir uns, dass die in Stuttgart als Tochter einer Deutschen und eines Bulgaren geborene Autorin am Dienstag, 26. Mai, 19.30 Uhr ihren aktuellen Roman Apostoloff bei uns vorstellt (*s. Bemerkung unten).
Darin erzählt sie von zwei Schwestern, die in Bulgarien unterwegs sind. Die eine, scharfzüngig und kampflustig, auf der Rückbank, die andere auf dem Beifahrersitz. Zuerst waren sie Teil eines Limousinenkonvois, der die Leichen von 19 Exilbulgaren von Stuttgart in die alte Heimat überführte, darunter die ihres Vaters. Nun sind sie Touristinnen, chauffiert vom langmütigen Apostoloff, der ihnen die Schätze seines Landes zeigen möchte. Doch angesichts der Schwarzmeerküste und der Architektur spuckt die Jüngere, die Erzählerin, Gift und Galle und ist auch sonst recht ungnädig ihrem bulgarischen Erbe gegenüber – hat sich doch ihr Vater, der erfolgreiche Arzt und schwermütige Einwanderer, mit 43 einfach erhängt... Diese bissige, rabenschwarze und erzkomische Abrechnung einer Tochter mit dem Vater und seinem Land entwickelt laut SZ zugleich eine Sprache, „die bis an die Grenzen dessen geht, in Schönheit und Ausdruckskraft, was man auf Deutsch überhaupt ausdrücken kann“! Die Lesung in der Reihe NDR Kultur - Autoren lesen moderiert NDR-Kultur-Redakteur Joachim Dicks.
Heute noch hingehen oder die Sendung (Aufnahme) im Radio anhören! Sendung am 28. Juni!
Schon mit ihrem ersten Erzählungsband Sommerhaus, später erlebte Judith Hermann 1998 ihren literarischen Durchbruch und mit über 250.000 verkauften Exemplaren einen sensationellen Erfolg. Dieser beruhte nicht zuletzt darauf, dass ihre zugleich von Desillusionierung und Sehnsucht geprägten Texte, worin sie in wenigen Worten Stimmungen zu skizzieren verstand, viel über das Lebensgefühl in einer Umbruchzeit auszudrücken vermochten: Für Hellmuth Karasek verkörperten sie „den Sound einer Generation“. Und Judith Hermann leitete mit ihren lakonischen, an Raymond Carvers Short Stories orientierten Erzählungen eine Renaissance des in Deutschland lange vernachlässigten Genres der Kurzgeschichte und wurde zur Galionsfigur einer neuen von Frauen verfaßten Literatur gemacht.
2003 folgte dann ihr zweites Buch Nichts als Gespenster, das in Teilen (u.a. mit August Diehl und Fritzi Haberlandt) fürs Kino verfilmt wurde. Im Mai erscheint endlich Hermanns neues Buch – ein Band aus fünf Erzählungen mit ein und derselben Hauptfigur: Alice handelt davon, wie Lebenswege sich kreuzen, die Richtung ändern und wieder auseinander führen (*s Bemerkung unten). Es erzählt von den Zeiten des Übergangs, des Wartens, des Festhaltens und Loslassens – und auch davon, wie klar und leuchtend diese Tage sein können. Hannover darf sich freuen, dass die Berliner Autorin am Donnerstag, den 4. Juni, 19.30 Uhr, in der Literaturetage aus Alice liest. Die Moderation übernimmt Ulrike Sárkány, Literaturredakteurin bei NDR Kultur.
Nach den Veranstaltungen mit deutscher Literatur wechseln die Literaturetage am Donnerstag, 11. Juni, 19.30 Uhr, den Kontinent: Boualem Sansal liest in der Reihe Literatur International – Algerien aus seinem aktuellen Roman Das Dorf des Deutschen. Boualem Sansal gehört zu den wenigen Intellektuellen Algeriens, die noch in der Heimat leben und dort unerschrocken Kritik an den Verhältnissen üben. Obwohl er wegen seiner kritischen Haltung aus dem Staatsdienst entlassen und Bücher von ihm in Algerien verboten wurden, verzichtet er auf das Exil oder ein Pseudonym. Auch Sansals neuer Roman rührt an einem gesellschaftlichen Tabu, indem er die Beteiligung ehemaliger Nazis am algerischen Befreiungskampf thematisiert: Zwei in Frankreich aufgewachsene, algerische Brüder erfahren nach dem Tod ihrer Eltern, dass ihr Vater früher nicht nur heldenhafter Befreiungskämpfer in Algerien, sondern zuvor SS-Offizier in Deutschland war. Rachel, der ältere Bruder, der sich in Frankreich ein recht erfolgreiches Leben aufgebaut hat, zerbricht an diesem Wissen. Der jüngere, arbeitslose Malrich aber nimmt die Schuld des Vaters nicht als die seine an, sondern beschließt, im Wissen darum in der Gegenwart verantwortungsvoll zu handeln. Er, der in seiner Pariser Vorstadt tagtäglich das Versagen der westlichen Integrationspolitik erlebt, kann gar nicht anders, als zu erkennen, wie die Unmenschlichkeit immer wieder instrumentalisiert wird: sei es von den Militärregimes in Nordafrika, den islamistischen Netzwerken – oder den westeuropäischen Staaten, wenn es um den Umgang mit unerwünschten Migranten geht. Mit Das Dorf des Deutschen legt Sansal, der in Frankreich als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller gilt, einen spannenden Roman über Schuld und Verantwortung vor, der vom NS-Deutschland nach Algerien und bis in die EU-Gegenwart reicht.
Michael Stoeber moderiert und übersetzt aus dem Französischen, Christian Erdmann vom schauspielhannover liest den deutschen Text.
Alle Jahre wieder! Zum sechsten Mal zelebriert die Literaturetage den Bloomsday, den 16. Juni 1904, an dem Leopold Bloom, berühmter Romanheld aus James Joyces Ulysses, seine ereignisreiche Odyssee durch Dublin absolviert. Genau 105 Jahre später, am Dienstag, 16. Juni, 19.30 Uhr, wollen wir Poldy Bloom unter Anleitung von Zeremonienmeister und Joyce-Kenner Heiko Postma eine Etappe lang auf seiner Passage durch die irische Metropole begleiten. Und diesmal geht es unter dem Motto „Welchen Weg fährt er uns?“ in den Hades, sprich: zum Prospect Cemetery von Glasnevin. Doch keine Sorge: Schon während der Kutschfahrt dorthin und erst recht auf dem Friedhof findet Bloom, der moderne Jedermann, genügend Reibungsflächen für seine vitale Skepsis und genug Eindrücke, an denen sich sein immerwacher Witz und seine immerkreiselnde Fantasie entzünden können.
Heiko Postma liest und kommentiert das Hades-Kapitel des Ulysses, nicht ohne auch auf die Bezüge zu Homers vorbildlicher Odyssee einzugehen. Zudem wartet Robert Paterson, Barde aus Belfast, mit ausgesuchtem irischen Liedgut auf – von Thomas Moore´s Irish Melodies bis zu den Leierkasten- oder Music-Hall-Stücken, die Poldy Bloom unterwegs zu Ohren kommen oder durchs Gemüt gehen. Und natürlich gibt es zur körperlichen Erquickung Mr. Bloom´s berühmte Gorgonzola-Sandwiches genau wie die ansprechenden Getränke.
Viel Freude in der Literaturetage! Kommen Sie!
*Über Sibylle Lewitscharoff und Judith Hermann habe ich später einen extra Artikel geschrieben, s. hier. Dies ist also ein Link in die Zukunft!
© Texte nach der Pressemitteilung des Literaturbüros (Kathrin Dittmer und Annette Hagemann), ein paar Bemerkungen vom Autor des Blogs. Bild: Logo der Literaturetage (Künstlerhaus)
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