Das fand ich ein pfiffige Idee: in ein aufgelassenes Kaufhaus - das einen öden Eindruck machen würde, wenn man so einfach hinein könnte - eine Kunstausstellung einzubringen und dabei Reste der früheren Ausstattung geschickt einzubeziehen. Nur noch zwei Tage, bis Pfingstsonntag (31. Mai) ist Gelegenheit, auch Samstag und Sonntag von 12 bis 19 Uhr geöffnet!
Beruhigende Meldung: Die Rolltreppen laufen (noch? wieder?), jedenfalls bis in den zweiten Stock, wo die Ausstellung endet - oder anfängt ...
Nach meinem ersten Besuch habe ich bei zwei weiteren Besuchen (mit anderen Menschen zusammen) empfohlen, oben anzufangen - dem entsprechend gebe ich hier auch meine Hinweise.
"Made in Korea" heißt die Ausstellung insgesamt - in ambivalenter Anspielung darauf, dass der Konsumterror längst auch (Süd-)Korea erreicht hat. Korea war ja diesmal auch Partnerland der Hannover Messe, deshalb die Idee für das Ganze.
Im zweiten Stock geht es um Design, aber "Design" ist hier mehr künstlerisch gemeint.
»Die Kunst
des Shoppings: Design für Koreas GmbH«: Unter dieser Überschrift zeigen die ausstellenden Designer Produkte, die unter Berücksichtigung der besonderen
Raumsituation im Kaufhaus Sinn & Leffers entworfen worden sind. Einerseits geht es um die Gewohnheiten und die
Vorurteile, die beim Shopping unbewusst herrschen, andererseits um den faszinierenden Charakter des Shoppings - auch hier also eine markante Ambivalenz. Außerdem soll die
nicht-materialistische Beziehung zwischen Produkten und Kunden
dargestellt werden. Die neun unterschiedlichen Designer-Gruppen
versuchen die Bedeutung von "Design" neu zu interpretieren, wobei
sie sich gemeinsam, wenn auch auf verschiedene Art und Weise, auf
eine Verbindungskette zwischen Produkt, Konsum und Verkauf beziehen.
Das Bild oben zeigt ein aus Drähten mühsam gefertigtes Auto (hier nur das Hinterende) - "What? Car?" von HONG Kwang-hyun (2009). Unten ein weiteres Beispiel: "Spaghetti Chandelier (Spaghetti-Kandelaber) von PARK Zinoo, eine Anspielung auf die vielen Beleuchtungselemente im Kaufhaus. Kunst und Natur treffen aufeinander: die Kunststoffständer sind auf natürliche Birkenstammstücke aufgesetzt.
Fotografien werden im 1. Stock gezeigt - Überschrift: Magische Momente: Korea Express. Die Fotografen streben danach, koreanische Identitäten aufzuzeigen und gleichzeitig ein Profil der zeitgenössischen koreanischen Fotografie zu zeichnen. Entsprechend ist der Untertitel "Korea Express" zweideutig gemeint: Einerseits präsentiert er Korea durch traditionelle koreanische Gefühlswelten und die Schönheit Koreas, andererseits drückt er auch die dynamische Seite koreanischer Gefühlswelten aus, indem er die unterschiedlichen Facetten der heutigen koreanischen Gesellschaft aufdeckt. "Magische Momente: Korea Express" spiegelt politische und gesellschaftliche Situationen, koreanische Menschen, koreanische Städtelandschaften und emotionale Landschaften sowie verschiedenartige Begegnungen und Fantasien. Die Fotografien zeigen einen Ausschnitt des Alltags innerhalb der Grenzen der koreanischen Gesellschaft. Sie offenbaren uns magische Momente, die die Phasen des Umbruchs der jüngeren koreanischen Geschichte durch reale Szenerien oder durch die Darstellung der mondänen Leben Einzelner einfangen. Mit am eindrücklichsten waren für mich die Porträtfotos koreanischer Bergarbeiter, die in den 60er Jahren bei uns als Gastarbeiter gearbeitet haben und immer noch ihre deutschsprachigen Papiere besitzen und auf den Fotos vor die Brust halten.
Schließlich gibt es im Erdgeschoss zeitgenössische Kunst mit dem genialen Titel "Freizeit, eine verkleidete Arbeit". Im Mittelpunkt stehen Videokunst und Installation. Die Problematik von Industrie und Gesellschaft sowie von Arbeit und Freizeit werden dargestellt. Die Ausstellung richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Veränderungen der koreanischen Gesellschaft seit 1992. Im Jahr 1992 ging in Korea die mehr als 30 Jahre lang das Land beherrschende Militärdiktatur zu Ende. Zum ersten Mal in der Geschichte Koreas entstand eine demokratisierte Gesellschaft mit einer Zivilregierung. Die ausstellenden Künstler sind seit den 1990er Jahren tätig und zeigen neue Aspekte der Kunstpraxis. Diese unterscheidet sich von der gesellschaftskritischen Kunst der Vergangenheit, die im Namen des politischen Engagements gegen die Unterdrückung und die Zensur der Diktatur Widerstand leistete. Die ausstellenden Künstler differenzieren ihr Interesse an den historischen Zusammenhängen der koreanischen Gesellschaft in verschiedene Themen wie das Ende des Kalten Krieges, Neo-Liberalismus, Globalisierung, rasche Wirtschaftsentwicklung, Feminismus und die historische Reflexion über die Modernisierung.
Die im Bild gezeigte Installation stammt von BAE young-whan (geb. 1968). Der Künstler wandert nachts durch die Straßen der Stadt, sammelt alles mögliche und gestaltet seine Werke mit den Fundstücken. Hier hat er "Fundstücke" aus dem alten Kaufhaus verwendet: Die Gebilde, die wie von oben gespaltenes Holz aussehen, sind aus Maßbändern gefertigt.
Nutzen Sie den letzten Öffnungstag Pfingstsonntag und lernen sie faszinierende künstlerische Gestaltungen kennen!
© Text unter Verwendung einiger Texte aus der katalogähnlichen Broschüre sowie Fotos: Helge Mücke, Hannover
Das hier finde ich echt sehr schön.Diese koreanische Kunst ist ja ein bisschen...wie keine andere und genau das war, glaube ich, das Ziel!Sehr gut!
Kommentiert von: Jörg | 03. Juni 09 um 07:41 Uhr