Sibylle Lewitscharoff und Judith Hermann in Hannover - Nachlese der Lesungen im Mai-Juni 2009
Das Sprechen der Lebenden mit den Toten oder mit den gerade noch nicht Toten, den Sterbenden - das ist ein Motiv, das den Texten beider Autorinnen gemeinsam ist.
Sibylle Lewitscharoff schickt zwei Schwestern mit den Särgen von 19 Exilbulgaren, darunter deren Vater, auf die Reise in die Urheimat; Judith Hermann bindet fünf Erzählungen, mit derselben Hauptperson Alice, zusammen, die alle mit dem Tod und dem Sterben zu tun haben.

Sibylle Lewitscharoff bereitet sich auf die Lesung vor, die im Rahmen der Reihe "NDR kultur - Autoren lesen" stattfand - deshalb der Mikrofonwald.
Sie gehen den Themenkreis völlig unterschiedlich an: Bissig, schwarzhumorig die eine, auf stille, nüchterne Weise die andere. Bei beiden Lesungen wurde wieder einmal besonders deutlich, welch großen Gewinn es bedeutet, die Lesungen der Literaturetage Hannover zu besuchen - wieviel mehr man über Werk und Dichtung erfährt. Deshalb auch an dieser Stelle noch einmal große Dankbarkeit an Kathrin Dittmer, die als Leiterin des Literaturbüros dies alles unermüdlich, mit Gespür und Kompetenz, organisiert und betreut - und ihr zu Ehren dieses Bild, das zwar die Autorin nur schemenhaft zeigt, aber dafür den Charme der Begrüßung ahnen lässt.
Zudem hat Sibylle Lewitscharoff ihren eigenen Text - die Auszüge aus "Apostoloff" - hervorragend gelesen: mit Sprachgestaltung und Mimik, mit schauspielerischen Qualitäten. Und sie versteht es, im Gespräch Einblick in ihren Schreibprozess zu gewähren. Da ist die Familie der bulgarischen Einwanderer, da ist der Selbstmord des als Arzt erfolgreichen Vaters - das alles hat biografische Bezüge. Und es gibt Gelegenheit, in der Rolle der jüngeren Schwester mit den großen Fehlern in Bulgarien (Verbauung der Schwarzmeerküste, Hochhausarchitektur usw.) abzurechnen. "Eine große Autorin - scharfsinnig, kunstvoll, berauschend", so sieht es die Jury des Preises der Literaturhäuser, den sie 2007 bekommen hat. 2009 ist der Leipziger Buchpreis dazugekommen. Die Anbindung an höhere Welten ist der Religionswissenschaftlerin naheliegend - Musik spiele eine große Rolle für sie, sie rühre unmittelbar ans Göttliche. Musikalität - Rhythmik - deshalb auch in ihren Texten. Man bekomme Worte geschenkt, begeistert sich der Moderator Joachim Dicks und nennt als Beispiele Kummerkristall und Glücksschub. Deutlich wurde, dass Frau Lewitscharoff zu den Autoren gehört, die immer wieder an ihren Texten herumfeilen, sich die Version halblaut vorlesen, wieder ändern usw. Und: Sie verzweifle am heute ständig exzessiv gebrauchten Präsens.
Judith Hermann und NDR-Redakteurin Ulrike Sákárny (rechts) vor der Lesung.
Auch das Gespräch mit Judith Hermann war sehr erhellend - erstaunlicherweise muss man hier sagen, sie hat sich in Hannover besonders öffnen, freimütig reden können - was gewiss zu einem großen Teil der klugen Gesprächsführung von Ulrike Sákárny zu verdanken ist. Judith Hermann schreibt wenig und langsam. Sie erzählt von den "magischen Begegnungen" mit ihrem Lektor - jährliche Treffen, wunderbare Abende, bei denen erst ganz am Schluss ganz zurückhaltend die Frage kam, wie weit sie denn sei. Nun ist sie also so weit: "Alice", eine Art Roman, fünf Erzählungen mit der einen verbindenden Person, Alice eben, die man übrigens auf berlinerische Art A-li-ze aussprechen sollte (nicht französisch).
Den "schwebenden" Charakter, den die Rezensionen immer so hervorheben, auch als "Judith-Hermann-Sound" bezeichnen, erreiche sie auf zwei Ebenen, von denen nur die eine völlig mit Bewusstsein betreten werde: Sie verknüpfe die Personen bewusst nicht mit genauen Fakten wie Beruf usw.; die Leerstellen auf einer zweiten Ebene ergäben sich durch das Thema, sie könne nicht alles direkt erzählen, das schaffe Privatheit, Intimität, Schutzraum. Der Leser müsse den Text mit Emotionen aufladen, die er selber erzeuge. In diesem Buch werde wenig explizit von Trauer gesprochen. Während des Schreibens habe sie eine Zeichnung von Paul Flora liegen gehabt: "The Great Beach", ein vielsagendes Bild aus lediglich 17 Strichen! Das sei eine Art Vorbild. Sie arbeite wie ein impressionistischer Maler. "Auf jeden Fall bin ich eine Kurzgeschichten-Autorin", sagt Judith Hermann.
Ich höre auf, der Rest sind Leerstellen ...
Aber hier noch der Hinweis auf meinen früheren Übersichtsartikel, denn dort können Sie Näheres über die beiden Bücher erfahren: Übersicht Lesungen Mai-Juni 2009
© Text und Bilder: Helge Mücke, Hannover
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