David Thorpe – Veils and Shelters
or Sparkles of Glory or Perfume Against the Sulphurous Stinke of the Snuffe or the Light for Smoak
- Ausstellung im Kunstverein Hannover, noch bis 8. Nov. 2009
Nur noch eine Woche kann man im Kunstverein Hannover eine der aufregendsten Ausstellungen sehen - das ist Weltkunst, nicht verpassen!

Wenn ich in wenigen Worten sagen sollte, was mich so fasziniert hat, dann würde ich es etwa so formulieren: der unglaubliche Spannungsbogen zwischen handwerklicher Präzision und freiem künstlerischem Spiel. "Veils and Shelters" nennt David Thorpe - Jahrgang 1972 - die in Hannover gezeigte Werkauswahl: Schleier und Schutzräume. David Thorpe ist ein Meister der Täuschung, er täuscht unsere Wahrnehmung und schärft damit unser Bewusstsein für Schützenswertes. Pflanzen, die es geben könnte, die aber genau so nicht möglich wären. Gemälde, die keine sind - schaut man genauer hin, entdeckt man die feinen aufgeklebten Elemente aus z.B. Holzfurnier. Räume, bei denen man nicht weiß, wofür sie sind und wohin sie führen. Schriftstücke, die unklar lassen, ob es um den Inhalt oder um die Form geht - vielleicht auch um den Hörsinn (bei einem Gedicht an der Wand fing ich in der Ausstellung an, laut zu lesen, altenglisch, klangvoll.) (Man wird teilweise an M.C. Escher und seine räumlichen Täuschungen erinnert.) Die Titel sind mir allerdings zu rätselhaft - meistens kann ich mit ihnen nichts anfangen; bei dem oben gezeigten geht es noch einigermaßen, es heißt "The Defeated Life Restored (Detail), 2006-07": Ist das Leben gemeint, das man vergeblich zu erhalten versucht hat - in dem Sinne besiegt ist - und mühsam in veränderter Form wieder herstellen musste?
Im Folgenden zitiere ich einige Sätze aus den Pressetexten des Kunstvereins:
"David Thorpe ... entwickelt seit Ende der 1990er Jahre
Parallelwelten von atemberaubender Schönheit, deren visionärer
Charakter von seiner Leidenschaft für utopische Lebensentwürfe gespeist
wird. Thorpes Collagen, Skulpturen und raumfüllende Installationen
zeichnen sich durch die akribische Anwendung kunsthandwerklicher
Techniken und ausgefallener Materialkombinationen aus."
"Der Kunstverein Hannover präsentiert eine umfassende Einzelausstellung
des britischen Künstlers David Thorpe (*1972) in Deutschland, deren
Fokus insbesondere auf den seit 2006 entstandenen Arbeiten liegt.
Thorpes Collagen, Aquarelle, Skulpturen und raumfüllende Installationen
bewegen sich zwischen Utopie und Apokalypse, zwischen Sehnsucht und
Enttäuschung und zeichnen sich durch sorgfältige Anwendung
traditioneller kunsthandwerklicher Techniken sowie ausgefallene
Materialkombinationen aus.
Ein wesentlicher Einfluss und Inspiration von Thorpes Arbeiten sind
die intensive Auseinandersetzung mit den Schriften und der Bedeutung
der Arts-and-Crafts-Bewegung, an die er im Bewusstsein der
unüberwindlichen historischen Distanz anknüpft. Besonderes Interesse
zeigt Thorpe an den Theorien von Philosophen und Denkern wie John
Ruskin (1819–1900) und William Morris (1834–1894), die den
individuellen handwerklichen Herstellungsprozess als Ausdruck
schöpferischer Kraft würdigten und die künstlerische Seite des
Handwerks betonten.
Thorpes Collagen („Good People“, 2002; „The Axe Laid On The Root“,
2004) zeigen Landschaften – massive Felsformationen und karge Wälder,
in die sich teils futuristisch, teils nostalgisch anmutende Bauwerke
wie symbiotische Fremdköper einschreiben. Die detailreich und präzise
aus Materialien wie Borke, Schiefer, Leder, Holz, Glas oder Kieseln
zusammengesetzten Ansichten, deren malerische Wirkung aus der Ferne
verblüfft, veranschaulichen Thorpes lustvoll-akribische Arbeitsweise.
Von seinem Interesse an alternativen und utopischen Lebensentwürfen
zeugen die in den Darstellungen vorherrschende Autarkie und
Abgeschiedenheit."
"Ornamental gestaltete, sternförmige Skulpturen erinnern gleichermaßen an ethnologische Kultobjekte und Science-Fiction-Architektur. So können die Arbeiten als metaphorische Zeitmaschinen, als Modelle von Vorstellungen verstanden werden, die Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges miteinander verbinden."
"Zeigt sich in Thorpes Installationen das Ornament als gestalterische Struktur und atmosphärisches Ausdrucksmittel, so emanzipiert es sich in den jüngsten Werken zum Mittelpunkt seiner Arbeit. In Thorpes eigens für den Kunstverein Hannover produzierten raumfüllenden Bodenarbeit aus Keramikfliesen „The Plaque“, 2009 dominieren vegetabile, ornamentale Strukturen. Das Ornament verkörperte in der Arts-and-Crafts-Bewegung die Idee des Lebendigen, die den als „seelenlos“ verstandenen Industrieprodukten ein neues Ideal der authentischen Gestaltung entgegensetzte und als Vermittler ästhetischer Freude zwischen Produzent und Betrachter galt."
Kunstverein Hannover, Sophienstr. 2, noch bis zum 8. November. Am Sonntag freier Eintritt.
(C) Text: Dr. Helge Mücke, Hannover; Zitate wie angegeben vom Pressematerial des Kunstvereins, das obere Bild und das Video ebenfalls - die übrigen Bilder eigene Aufnahmen des Textautors.
Hallo Dr.Helge M. ich war in der Ausstellung und ich hab mich über die Wiederkehr von Ornamenten und floralen Mustern sehr gefreut. Es erinnert mich an die Kunstwerke des islam. Es ist wunderbar das diese Seite von Kunst - Weltkunst wieder
auftaucht und geschätzt wird.
Kommentiert von: d. preiss | 31. Oktober 09 um 22:56 Uhr
Dies hier ist eigentlich nicht Streets of Arts, sondern ein Kulturblog aus Hannover, den es schon länger gibt und der auch mehr Themen umfasst. Aber zwischen beiden gibt es eine Querverbindung - es ist derselbe Autor, nämlich Helge Mücke (der in Hannover lebt).
Kommentiert von: mueckeh | 30. Oktober 09 um 02:46 Uhr
vielen Dank für diese fundierten,sorgfältigen Hinweise, denen ich doch nachgehen will.
So etwas hätte ich gar nicht von den Streets of Arts erwartet, oder sind sie das auch gar nicht??
Bisher wusste ich nicht was ein "Blogg" ist ,mal sehn,was ich damit tun kann....
Kommentiert von: d. preiss | 30. Oktober 09 um 00:19 Uhr