Was ist Wahrheit, was Wahrhaftigkeit? Was ist Freiheit?
Kann der, der die Wahrheit kennt, wahrhaftig bleiben? Wo beginnt die Lüge?
Wie frei ist die Presse, sind die Medien?
Will die Gesellschaft, wollen die Menschen überhaupt Wahrheit und Freiheit?
Muss der Einzelne seine Freiheit - seine Meinungsfreiheit - der Mehrheitsmeinung unterordnen? Macht er sich zum Feind der Gesellschaft, zum "Volksfeind", wenn er das nicht tut - oder wer sind die wahren Volksfeinde?
Hat die Mehrheit immer recht, darf in einer Demokratie immer nur die Mehrheit entscheiden?
Das sind alte Fragen, die nie veralten.
Unglaublich, wie aktuell dieses Stück des Norwegers Ibsen ist, 1882 geschrieben! Großartig, wie eine moderne Inszenierung die zeitlosen Wahrheiten herausarbeiten kann, ohne sie durch modische Zutaten zu verzerren oder zuzudecken - Florian Fiedler hat das geschafft! (Andreas Kriegenburg hat mich seinerzeit nicht überzeugt.)
Die Geschichte, kurz gefasst: In einem Gewinn versprechenden Heilbad entdeckt der Badearzt, dass die Heilquelle verseucht ist. Er will diese Wahrheit öffentlich verbreiten, wird aber von allen Seiten daran gehindert - sein Bruder, der Bürgermeister und Vorsitzende der Kurverwaltung, ist allen voran dagegen, das sei nicht im Sinne der Geschäftsinteressen. Die Presse, die erst helfen will, knickt sofort ein und trägt zum Vertuschen bei. Die wichtigen Bürger verhalten sich anpasslerisch, der Verursacher (Gerbereibesitzer) streitet alles ab und geht zum Gegenangriff über, schließlich wird der Mob mobilisiert. Der Badearzt aber bleibt aufrecht, obwohl er am Schluss mit seiner Familie äußerlich alles verloren hat. Er wird mit seiner Tochter eine eigene freie Schule gründen.
Das Stück kommt mit wenigen Personen aus: Dr. Thomas Stockmann, der Badearzt (Aljoscha Stadelmann), seine Frau Katrin (Hanna Scheibe), seine Tochter Petra, Lehrerin (Julia Schmalbrock) (die Söhne sind in dieser Inszenierung gestrichen), der ältere Bruder Bürgermeister Peter Stockmann (Rainer Frank), Morten Kiil, Pflegevater Frau Stockmanns und Gerbereimeister (Andreas Haase), die Redakteure des "Volksboten" Hovstadt (Daniel Nerlich) und Billing (Özgür Karadeniz), Buchdrucker und Vorsitzender des Hausbesitzervereins und des Mäßigungsvereins Aslaksen (Mathias Max Herrmann), Kapitän Horster (Thomas Mehlhorn) sowie die Musiker Martin Engelbach und Frank Wulff.
In einer Rede am 10. September 1874 in Kristiania (Oslo) sagte Henrik Ibsen: "Was ist denn überhaupt dichten? Spät erst bin ich dahinter gekommen, daß dichten im wesentlichen sehen ist, doch, wohlgemerkt, ein Sehen solcher Art, daß der Empfangende das Gesehene sich so zu eigen macht, wie der Dichter es sah. Aber so kann man sehen, und so kann man empfangen nur das Durchlebte. Und das Durchlebte ist's, worin das Geheimnis von der Dichtung der neuen Zeit liegt. Alles, was ich in den letzten Jahren gedichtet habe, das habe ich geistig durchlebt ..."
Kann die Aufführung also - so könnte man fragen - das vermitteln, dass der Zuschauer sieht, was der Dichter geistig durchlebt hat? Diese Aufführung kann das! Ein hölzerner Badesteg, ein Laufsteg führt mitten durch den Zuschauerraum; noch während wir die Plätze einnehmen, bekommen wir Lebendiges zu sehen: Das Spiel beginnt! Mitten im Leben! Musik! Bei Frau Stockmann gibt es etwas zu essen. Redakteur Billing ist schon da, Bürgermeister Stockmann, missbilligend, und Redakteur Hovstad, der sich ziert, kommen bald dazu; später erst der Lebemann-Hausherr - rasch baut sich Spannung zwischen den Brüdern auf, Frau Stockmann versucht zu vermitteln.
Das Stück lebt von Kontrasten - die Aufführung macht es sichtbar. Schon durch die Besetzung, schon figürlich, die beiden Bilder zeigen es. Moderne Zutaten wie die Musik, die Schrift-Projektionen würzen zusätzlich. So gelingt es tatsächlich, in über zwei Stunden ohne Pause die Spannung aufrechtzuerhalten. Bewundernswert die Präsenz, die Durchhaltekraft dieser Schauspieler! Allen voran Aljoscha Stadelmann, ebenbürtig in der Hinsicht Özgür Karadeniz; auch Daniel Nerlich kann als Sänger und Tänzer aus sich herausgehen. Doch sind auch die eher stillen Charaktere hervorragend besetzt und gespielt. Frau Stadelmann, Hanna Scheibe, mag ich - obwohl sie laviert und vermittelt, ihre Ängste immer wieder aufblitzen, zeigt sie Charakter und hält zu ihrem Mann auf eine lebenspraktische Art. Mathias Max Herrmann, Aslaksen, der ideale "Wendehals"
Was mich mit am meisten überzeugt hat: Man könnte die Ibsen-Figuren leicht scherenschnittartig-typenhaft spielen - der Gefahr entgehen diese Schauspieler, sie sind vollblutige Chraktere. Ein wenig zu blass ist vielleicht Kapitän Horster - Thomas Mehlhorn - geraten, denn, man kann es nicht hoch genug schätzen in diesem "gesellschaftlichen Sumpf": Er ist der einzige mutige Mann; er stellt Thomas Stockmann einen Versammlungsraum zur Verfügung; er bietet in seinem Haus einen Klassenraum für die künftige freie Schule; er gibt der Familie Stockmann schließlich Wohnung, als sie gar nichts mehr hat.
Die Erkenntnisse des Badearztes - einst nur der Wissenschaft verpflichtet, nach und nach immer politischer geworden - sind gut herausgearbeitet: "Der gefährlichste Feind der Wahrheit und Freiheit bei uns - das ist die kompakte Majorität". "Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag' ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mann sich empören muss". Und schließlich: "Der ist der stärkste Mann auf der Welt, der allein steht."
Zwei Zutaten möchte ich noch hervorheben: Was ist das mit der Pantomimen-Einlage, die an Max und
Moritz erinnert? Eine Hommage an den neuen Spielort Hannover? Oder gab
es das in Frankfurt auch schon? Denn die Aufführung ist eine Übernahme
aus Frankfurt - wozu sich hier eine Besprechung findet. Und die andere Zutat, ganz verblüffend: Thomas Stockmann liest die Flächenland-Parabel von Edwin Abbott vor, eines der retardierenden Momente - erstaunlicherweise ist sie fast zur selben Zeit entstanden wie Ibsens Stück (1884 zuerst unter Pseudonym veröffentlicht).
Eine einzige Einschränkung meiner Begeisterung möchte ich angeben: Dass am Schluss eine neue Schule gegründet werden soll - mit dem Ziel, zu freien Menschen zu erziehen - wird nicht genügend hervorgehoben. Mag sein, dass es denn doch an leichten Ermüdungserscheinungen des Hauptdarstellers liegt, er müsste es deutlicher sprechen. Sind das doch die Zukunftskeime, das Stück endet keineswegs resignativ. BILDUNG! Wie modern!
Ein Besuch sehr empfehlenswert!
(C) Text Dr. Helge Mücke, Hannover; die Bilder von oben nach unten: Szene mit Aljoscha Stadelmann, Hanna Scheibe; Szene mit Rainer Frank, Aljoscha Stadelmann; Szene mit Aljoscha Stadelmann - alle fotografiert von © Katrin Ribbe und als Pressefotos vom Schauspielhaus zur Verfügung gestellt (nicht frei verfügbar!). Informationen, auch über weitere Spieltermine, auf der Seite des Schauspielhauses.

Ein tolles Stück! Sehr bewegend und modern! Da kann man mal wieder sehen, dass solche Themen aktueller sind denn je....
Kommentiert von: Flug | 08. Januar 10 um 10:37 Uhr