Spannende und vielfältige Lesungen und Veranstaltungen in der Literaturetage in Hannover auch im November und Dezember 2008.
Fast ist der November schon wieder vorbei, ich beginne also mit einem Rückblick.
Am 6. November fand wieder eine Lesung aus der Reihe "Das literarische Debüt" statt - wie bei Frau Barbetta, über die ich hier berichtet habe, wiederum eine Autorin aus einem anderen Land, die gleich auf Deutsch schreibt: Alina Bronsky: "Scherbenpark". Diese Schriftstellerin hat das erlebt, was viele träumen, aber so gut wie nie erleben: Sie schickt unverlangt ein Manuskript an einen Verlag (Kiepenheuer & Witsch), und der druckt es nach einigen Monaten! Alina Bronsky wurde 1978 in Russland, Jekaterinburg (ehem. Swerdlowsk), geboren und kam in jungen Jahren nach Marburg und Darmstadt.
In diesem Punkte zeigen sich die autobiografischen Bezüge: Die 17-jährige Sascha, Hauptperson des Romans, stammt ebenfalls aus Russland und lebt in einem deutschen Hochhausghetto; mit scharfer Zunge und hoher Intelligenz begabt, weshalb sie auf ein katholisches Elite-Gymnasium gehen "darf", plant sie, ihren Stiefvater Vadim zu töten - der im Knast sitzt, weil er offenbar ihre Mutter getötet hat - und ein Buch zu schreiben, das ihrer toten Mutter gewidmet ist. “'Scherbenpark' fängt richtig gut an:" - so heißt es im Blog literaturwelt.de - "schnodderig, rasant, intelligent
und sympathisch. Man liest einfach gerne, wie trocken Sascha, die im
Kopf allen anderen Bewohnern ihrer Hochhaus-Siedlung meilenweil
überlegen ist, ihre Umgebung und Mitmenschen kommentiert. Leider
verliert sich dieser erste Lese-Eindruck mit fortschreitender
Seitenzahl ein wenig: Alina Bronsky kann nicht ganz das Anfangs-Niveau
halten. Alles wirkt einen Tick hölzerner, einen Tick weniger
glaubwürdig als zu Beginn ..." Die Moderation hatte diesmal Martina Sulner übernommen, die mit professionellem Geschick viel Informatives aus der Autorin herausfragte: den autobiografischen Anteil dürfe man nicht übertonen; die eigenen Erfahrungen seien keineswegs traumatisch, eher spannend gewesen; was wie klischee-bestätigende Realitätsbeschreibung erscheine - typische Verhältnisse unter Russlanddeutschen - sei doch eher ein Spiel mit Klischees. Mehr über Buch und Verfasserin erfährt man auf ihrer eigenen Seite.
Und am 11. November kam Harry Rowohlt - zusammen mit Frank Schulz - und las auf seine unnachahmliche Weise aus dessen "Hagener Trilogie". Die habe ich allerdings verpasst! Wie und warum, ist eine Geschichte für sich, die hier nicht erzählt werden soll ...
Am Wochenende 15. und 16. November wieder eine große Leistung der Literaturetage, die inzwischen zum guten Ruf Hannovers beiträgt: die "Buchlust" mit Ausstellung und Lesungen von 20 der besten unabhängigen Verlage der Kurt-Wolff-Stiftung und aus Niedersachsen; ich hatte sie hier vorangekündigt. Meine Beobachtung: Die Tendenz, die besonders schönen und richtig teuren Bücher (für Sammler) auszustellen, ist zurückgegangen. Meine "Entdeckung": der Babel Verlag aus Denklingen, der vor allem Lyrik verlegt (Netzseite hier). Kevin Perryman, England-Deutscher oder umgekehrt ..., hat - wen wundert's - besonderes Interesse an anderssprachigen Gedichten in guten Übertragungen; ein spezielles Forum ist dafür die Lyrik- und Übersetzungszeitschrift "Babel", die gerade in Band XIV einen skandinavischen Schwerpunkt herausgebracht hat, zeitgenössische Gedichte natürlich.
Wenn ich so weitermache, bringe ich diesen Artikel gar nicht mehr zu Ende. Deshalb die weiteren Termine mehr summarisch und - die zukünftigen - mit Aufforderungscharakter.
Nicht verschweigen möchte ich natürlich, dass bereits die zweite Veranstaltung der LiteraTour Nord stattgefunden hat: Hans Pleschinski las am 19. November aus seinem Roman "Ludwigshöhe". Man muss schon, ehrlich gesagt, einen Hang zum Morbiden oder einen Sinn für Schwarzen Humor haben, um diesen Roman so richtig zu mögen ... Drei Geschwister erben die Villa Ludwigshöhe am Starnberger See mit der Auflage, sie in einen Zufluchtsort für Lebensmüde zu verwandeln. Darüber wird noch extra zu berichten sein.
Noch ausstehend im November: Am 26. November wird Thomas Gsella im Rahmen der Fitzoblongshow kommen und seine besten Texte aus 50 Jahren lesen. Gsella ist Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic" und hat zahlreiche Gedichtbände mit klingenden Titeln veröffentlicht. Empfehlenswert, es kann nur heiter werden!
Nun zum Dezember:
Dazu zitiere ich kleine Ausschnitte aus einer Pressemitteilung des Literaturbüros:
Am
Donnerstag, 04.12.08, 19.30 Uhr,
beginnen wir mit einer Lesung von Helmut
Krausser in der Reihe „NDR
kultur – Autoren lesen“. Der
44-jährige Autor hat sich schon in jungen Jahren ein
umfangreiches Werk erschrieben und ist bekannt geworden durch Romane
wie „Melodien“, „Thanatos“ und „Eros“ oder den mit
Corinna Harfouch verfilmten Roman „Der große Bagarozy“. Krausser
scheut die großen Themen nicht und gibt in seinen Büchern
auch immer wieder der Musik eine prominente Rolle. Nach längeren
Recherchen hat er im Puccini-Jahr 2008 (150. Geburtstag am
22.Dezember) einen Roman über den italienischen Opernkomponisten
Giacomo Puccini veröffentlicht: „Die
kleinen Gärten des Maestro Puccini“.
Die
Lesereihe um den Preis der LiteraTour
Nord 08/09 setzen wir am Mittwoch,
10.12.08, 19.30 Uhr, mit dem Schweizer Autor Charles
Lewinsky fort, die Moderation übernimmt
– wie stets bei der LiteraTour Nord – Martin Rector. Lewinsky legt mit „Zehnundeine Nacht“
ein spielerisches Buch voller fantastischer und skurriler Storys vor, das sich Scheherazade zum Vorbild nimmt: die Wesirstochter, die
mit ihren Geschichten den Sultan tausendundeine Nacht lang unterhält
und damit die eigene Hinrichtung aufschiebt. Nur dass in „Zehnundeine
Nacht“ aus dem Palast ein heruntergekommenes Stundenhotel geworden
ist, aus dem Sultan ein Kiezganove und aus Scheherazade eine alternde
Prostituierte.
Ein
altes und doch gültiges, gar modern wirkendes Märchen
bringt uns am Dienstag, 16.12.08, 19.30 Uhr, Literaturkenner
Heiko Postma in Erinnerung und zu Gehör. Der Titel seiner
Lesung lautet: „Die Waldgeister und der Zeitgeist – Wilhelm
Hauff und seine Märchen-Novelle Das kalte Herz“. Aus
Hauffs Sagensammlung „Das Wirtshaus im Spessart“ liest Heiko
Postma nun die berühmte Märchen-Novelle „Das kalte Herz“
und kommentiert diese Geschichte des jungen Schwarzwälder
Köhlers Peter Munk, der es bei seinem Streben nach Glück
mit zwei Waldgeistern zu tun bekommt – dem der neuen und dem der
alten Zeit. - - Da kann es doch nur heißen: „Kommet zu
Hauff!“
Dem kann ich mich nur anschließen!!
© Text: Helge Mücke, Hannover - teils unter Verwendung der Texte des Literaturbüros, Kathrin Dittmer; Logo der Netzseite entnommen.
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