Ausstellung im Kestner-Museum, Hannover
„Formgestalter“ hießen sie – das Wort Designer gab es natürlich nicht. Dennoch hatte die gute Gestaltung von Alltagsgegenständen auch in der DDR ihre Tradition. Ziele und Arbeitsweisen waren kaum anders als im Westen – wenn auch Materialknappheit und politische Rücksichtnahme oft die Ausführung behinderten.
Rund 15 Jahre nach dem Mauerbau soll ein sachlicher, unverstellter Blick auf die deutsch-deutsche Designgeschichte geworfen werden – das Kestner-Museum möchte seiner eigenen Tradition und Zielsetzung entsprechend mit dieser Ausstellung einen Anstoß geben.
Zwei grundlegende Ziele fielen mir bei Betrachtung der rund 500 Ausstellungsstücke auf:
- (1) eine möglichst gute – und damit für das Auge ansprechende – Einheit von Zweck und Form zu erreichen; Beispiel Blumengießer!
- (2) aus dem Rahmen fallende, wenn man so will: „pfiffige“ Gebrauchsmöglichkeiten zu entwickeln; Beispiel Schaukelwagen!
Die Ausstellung ist in acht Bereiche gegliedert; zusätzlich gibt es Dokumente über die politisch motivierten Hindernisse.
wohn traum: Im Mittelpunkt stehen Möbel-Entwicklungen der Deutschen Werkstätten Hellerau bei Dresden. Herausragendes Beispiel ist der 1949 von Erich Menzel entworfene robuste Furnierstuhl aus 29 Lagen dampfgepressten Furnierholzes. Eine für den Plattenbau entwickelte Türklinke ist ein guter Beleg dafür, dass auch Massenproduktion Schönes hervorbringen kann.
tisch glück: Die Gebrauchsgegenstände für die Küchen (einschließlich Kantinen und Räumen der Schulspeisung) zeichneten sich durch klare Formen aus - einige orientierten sich erkennbar an westlichen Firmen wie Braun, aber es gab auch eigenständige Entwicklungen, wie Kaffeegeschirr und Besteck zeigen. Der Versuch der Thüringer Porzellanindustrie, weiße, sachlich-moderne Serien auf den Markt zu bringen, führte zu harten Pressekampagnen und politischer Unterdrückung.
hör + sicht bar: Auf dem Gebiet der Radio- und Fernsehgeräte gibt es besonders überzeugende Produktlinien, die auch im Westen dem Auge bekannt erscheinen. In einem kleinen Exkurs werden Gestaltungsbeispiele aus der Medizintechnik gezeigt.
heim kehr: „Heimkehren hieß für die werktätige Frau und den werktätigen Mann auch, sich nach getaner Arbeit an Werkbank und im Büro im eigenen Haushalt der ‚zweiten Schicht‘ zu stellen, waschen, putzen und werkeln waren angesagt“ (Zitat aus einem Faltblatt des Museums). Vom Elektrorasierer über Fön und Staubsauger bis zur Koffernähmaschine werden Produkte gezeigt, die zugleich praktisch und formschön sind.
zeit blick: Die optische Industrie hatte in über 100 Jahren Weltruf erworben, der auch in den DDR-Jahrzehnten erhalten blieb. Die Kleinbildkameras der Pentacon-Werke in Dresden sind teilweise heute noch beliebt. Die modernsten Funkuhren der Welt, „Eurochron“, heute Junghans, stammen ursprünglich aus einem DDR-Betrieb.
schreib lust: Obwohl die Bürokratie in Ostdeutschland sprichwörtlich war, konnte doch von Bürokultur in der Regel nicht die Rede sein. Doch bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel. Möbel waren eher durch Uniformität geprägt, aber bei den Hand- und Denkwerkzeugen kamen formschöne Produkte auf die Büro- und Schultische – Schreibmaschinen aus Sachsen und Thüringen, dann die Robotron-Rechner und -Drucker waren auch für das Auge brauch-bare Lösungen.
spiel spaß: Die mit Abstand beliebtesten „Gebrauchsgüter“
wurden für Kinder ge-staltet. Zwei Entwicklungslinien hatten hier zu
Hochleistungen geführt: Modul- und Systemspielzeuge und Spielzeuge von
therapeutischem oder rehabilitativem Wert. Der Schaukelwagen ist wohl
das beste Beispiel der Ausstellung überhaupt, bei dem die beiden oben
genannten Ziele ideal vereint sind.
leucht spur: Bei den
Leuchten gelang es den DDR-Betrieben sich mit dem Export an die
Weltspitze zu setzen. Vor allem in die Sowjetunion natürlich wurde
ausgeführt, aber Anfang der 70er Jahre entdeckte auch IKEA die
Formgestalter-Potenzen des VEB Metalldrücker in Halle.
Am Ende steht die Aufforderung, die für alle Nutzbereiche, in Ost wie West steht: gebrauchs gut!
Alles in allem eine gelungene Ausstellung, die den Blick
erweitert und das Auge an weniger bekannten Objekten schult, geschickt
präsentiert - empfehlenswert!
Die Austellung dauert bis zum 20. November 2005, Öffnungszeiten Di - So 11.00 - 18.00 Uhr, Mi bis 20.00 Uhr.
Link zur Museumsseite: http://www.hannover.de/deutsch/kultur/museen/mus_mus/mus_all/kestner/aktuell/dieneuen.htm
Bildquelle: Pressefotos des Museums;
(C) Text Helge Mücke, Hannover, unter Verwendung der Pressemitteilungen des Museums

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